Auswandern in die Schweiz - Teil I: Schweizspezifika

 

Schweiz Spezifika Blog

 

Als ich mich im Dezember 2015 dazu entschied, in die Schweiz auszuwandern, war ich 24 Jahre alt, habe meinen Bachelor abgeschlossen und war gerade Mal ein Jahr im Berufsalltag involviert. Sechs Monate später, im Juni 2016 war es dann auch schon so weit und da war ich nun, in der Schweiz.
In der Serie «Auswandern in die Schweiz» soll es zum einen um wichtige Erfahrungen und Informationen gehen, die ich selber 2016 recherchieren musste und diese Informationen sollen zukünftigen Auswanderern helfen, eine bessere Orientierung im Bürokratiedschungel zu erlangen.

Die Schweiz: Ein Land, viele Kulturen

Die Schweiz hat vier Landessprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch und Romanisch. Die Kulturen und Traditionen hängen stark von der jeweiligen Sprache, aber auch sehr stark von der Region ab, vor allem bei letzterem ist der Föderalismus ein wesentlicher Grund für unterschiedliche Entwicklungen der jeweiligen Regionen. So kann es schnell passieren, dass sich die Schweizer untereinander mit ihren Dialekten nicht verstehen.
Statistischen Berechnungen von 2013 zufolge, sind 15,4 % aller Ausländer in der Schweiz Italiener, knapp gefolgt von den Deutschen mit 15,1%. Grund hierfür liegt natürlich auf der Hand: Beides sind Landessprachen und somit für Einwanderer aus Italien und Deutschland ein weniger schwieriger Schritt, als in ein Land, dessen Sprache man nicht beherrscht.
Obwohl die Schweiz ein verhältnismässig kleines Land ist, befinden sich die Headquarters vieler renommierter Unternehmen in der Schweiz.
In gewissen Sektoren werden bis zu 90% aller Güter und Dienstleistungen exportiert. Die bekanntesten Exportprodukte sind vermutlich Uhren, Schokolade und Käse, jedoch ist von grösster Bedeutung die chemisch-pharmazeutische Industrie. Zusammen mit der Elektroindustrie und der Maschinenindustrie machen sie mehr als die Hälfte des gesamten Exports aus.

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Typisch Schweiz

Die Schweiz besteht, wie bereits angesprochen, aus vielen kleinen unterschiedlichen Kulturkreisen. Ein richtiges «typisch Schweiz» kann es somit fast gar nicht geben, oder doch? Laut "Blick am Abend" (einer Schweizer Pendlerzeitschrift) sind einige typisch schweizerische Dinge...

  • Heftiges Fluchen, wenn ein Zug eine Minute verspätet ist
  • Die Annahme, Fondue sei eine ausgewogene Mahlzeit
  • Nicht über Geld zu reden
  • Nicht darüber erstaunt zu sein, dass alle öffentlichen Beschriftungen mehrsprachig sind
  • Zürich für eine Metropole zu halten
  • Einen guten Überblick über das komplizierte politische System zu behalten
  • Verärgert darüber zu sein, wenn man wählen muss
  • Autofahrten von mehr als 30 Minuten Länge als Schande wahrzunehmen
  • Deutsch als Fremdsprache wahrzunehmen

Ein weiteres Ranking wurde durch die Leser der Pendlerzeitschrift «20 Minuten» vorgenommen, bei dem es um die 40 am meisten schweizerischen Dinge ging. An dieser Stelle sollte jeder einmal, bevor er das untere Ranking liest an die Dinge denken, die man selber als «typisch Schweiz» empfindet und dann mit der unteren Liste abgleichen. Hier die Highlights:

38. Lautes Schnäuzen

31. Fleece und Outdoorjacken

29. Auf Geld konzentriert zu sein

28. Die meisten Radargeräte der Welt zu besitzen

27. Stöhnen, nörgeln, sich beschweren

25. Gegen 6 Wochen Ferien stimmen

21. Betty Bossi

17. Fremde beim Vorbeigehen zu grüssen

16. Gegen und für alles versichert zu sein

15. Drei Küsse zur Begrüssung

14. Vier Sprachen zu haben

13. Banken

08. Direktdemokratie

07. Neutralität

06. Matterhorn

05. Migros-oder Coop-Kind zu sein

04. Schokolade (Schoggi)

01. Fondue

 

Haben Sie Ihre «typisch Schweiz» Klischees wiedergefunden?

 

Arbeitgeber in der Schweiz: (Unternehmens-)Kultur

Ein wichtiger Kulturforscher, der sich mit dem Zusammenhang von Kultur der spezifischen Länder beschäftigt, ist Geert Hofstede. Er unterscheidet zwischen sechs Dimensionen, die eine Kultur bestimmen: Machtgefälle, Individualismus, Männlichkeit, Unsicherheitsvermeidung, langfristige Ausrichtung und Nachgiebigkeit/Genuss (Hofstede et al., 2010).  Mittels einer aufwendigen Metastudie berechnete Hofstede für jedes Land diese sechs Dimensionen (klicken Sie hier, um mehr zu erfahren).

hofstede deutsch

Wenn wir die Schweizer Kultur anhand des 6-D-Modells © erforschen, können wir einen guten Überblick über die tiefen Triebkräfte der Schweizer Kultur im Vergleich zu anderen Kulturen der Welt gewinnen. Es ist wichtig zu beachten, dass die französischen und deutschen Teile der Schweiz sehr unterschiedliche Werte haben können, ebenso wie der italienische Kanton.

 

Machtgefälle

Machtgefälle ist definiert als das Ausmass, in dem die weniger mächtigen Mitglieder von Institutionen und Organisationen innerhalb eines Landes erwarten und akzeptieren, dass Macht ungleich verteilt ist.
Mit 34 liegt die Schweiz in der unteren Rangliste und hat dementsprechend innerhalb von Organisationen ein geringes Machtgefälle.
Das hat zur Folgende, dass der deutsch-schweizerischen Stil geprägt ist von Unabhängigkeit und gleichen Rechten. Die Vorgesetze sind zugänglich und Führungskräfte tragen eher eine Rolle als Coach. Die Macht ist dezentralisiert und die Manager verlassen sich auf die Erfahrung ihrer Teammitglieder. Kontrolle ist nicht erwünscht und die Einstellung gegenüber Managern ist informell und auf Vornamenbasis. Die Kommunikation ist direkt und partizipativ.
In dieser Dimension gibt es einen großen Unterschied zur französischsprachigen Schweiz. Der Wert ist hier sehr ähnlich zu Frankreich und somit höher als in der deutschsprachigen Schweiz. Das bedeutet, dass Menschen eine hierarchische Ordnung akzeptieren, in der jeder seinen Platz hat. Hierarchie in einer Organisation wird als inhärente Ungleichheit betrachtet. Die Mitarbeiter erwarten, dass ihnen gesagt wird, was zu tun ist, und der ideale Chef ist ein wohlwollender Autokrat.

 

Individualismus

Das grundlegende Problem dieser Dimension ist der Grad der Interdependenz, den eine Gesellschaft unter ihren Mitgliedern aufrechterhält. Es hat damit zu tun, ob das Selbstbild der Menschen in "Ich" oder "Wir" definiert ist. In individualistischen Gesellschaften sollen sich die Menschen nur um sich selbst und ihre direkte Familie kümmern. In kollektivistischen Gesellschaften gehören die Menschen zu Gruppen, die sich um Loyalität kümmern.

Sowohl die deutsche als auch die französischsprachige Schweiz schneiden in dieser Dimension relativ gut ab und geben der Schweiz eine Punktzahl von 68 Punkten. Sie gilt daher als individualistische Gesellschaft. Dies bedeutet, dass ein lockerer sozialer Rahmen bevorzugt wird, in dem von Einzelpersonen erwartet wird, dass sie nur für sich selbst und ihre unmittelbaren Familien sorgen. In individualistischen Gesellschaften verursacht Straftat Schuld und einen Verlust des Selbstwertgefühls. Die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist ein Vertrag, der auf gegenseitigem Vorteil beruht und Einstellungsentscheidungen und Beförderungsentscheidungen sollen nur auf Leistung basieren.

 

Männlichkeit

Eine hohe Punktzahl (männlich) in dieser Dimension zeigt, dass die Gesellschaft von Wettbewerb, Leistung und Erfolg getrieben wird, wobei der Erfolg vom Gewinner definiert wird - ein Wertesystem, das in der Schule beginnt und das organisatorische Leben fortsetzt.

Ein niedriger Wert (weiblich) für die Dimension bedeutet, dass die dominierenden Werte in der Gesellschaft für andere und die Lebensqualität sorgen. Eine weibliche Gesellschaft ist eine, in der die Lebensqualität das Zeichen des Erfolges ist und es nicht bewundernswert ist, sich von der Masse abzuheben.

Die Schweiz erreicht in dieser Dimension 70 Punkte, wobei sowohl die Rangliste für die Deutschschweiz als auch die französischsprechende Schweiz eine maskuline Gesellschaft kennzeichnen - sehr erfolgsorientiert und angetrieben, obwohl im deutschen Sprachraum der Einfluss deutlich spürbarer ist. In den maskulinen Ländern leben Menschen, um zu arbeiten.

 

Unsicherheitsvermeidung

Die Dimension Unsicherheitsvermeidung hat damit zu tun, wie sich eine Gesellschaft mit der Tatsache auseinandersetzt, dass die Zukunft niemals bekannt sein kann: Sollten wir versuchen, die Zukunft zu kontrollieren oder einfach zulassen? Diese Unsicherheit bringt Angst mit sich und verschiedene Kulturen haben gelernt, mit dieser Angst auf unterschiedliche Weise umzugehen.
Die Schweiz schneidet mit 58 Punkten ab, was vielleicht den Unterschied zwischen den französischen und deutschen Teilen widerspiegelt. Die französischsprachige Schweiz bevorzugt stark die Unsicherheit, während die Deutschschweiz schlechter abschneidet. Länder mit hoher Unsicherheitsvermeidung halten an starren Glaubens- und Verhaltenskodexen fest und sind intolerant gegenüber unorthodoxem Verhalten und Ideen. In diesen Kulturen gibt es ein emotionales Bedürfnis nach Regeln (auch wenn die Regeln nie funktionieren) ist Zeit Geld. Menschen haben einen inneren Drang, beschäftigt zu sein und hart zu arbeiten, Genauigkeit und Pünktlichkeit sind die Norm. Sicherheit ist ein wichtiges Element in der individuellen Motivation. Entscheidungen werden nach sorgfältiger Analyse aller verfügbaren Informationen getroffen.

 

Langzeit Orientierung

Diese Dimension beschreibt, wie jede Gesellschaft einige Verbindungen zu ihrer eigenen Vergangenheit aufrecht erhalten muss, während sie sich mit den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft auseinandersetzt, und Gesellschaften priorisieren diese beiden existenziellen Ziele unterschiedlich. Normative Gesellschaften bevorzugen es, althergebrachte Traditionen und Normen beizubehalten, während sie den gesellschaftlichen Wandel mit Argwohn betrachten. Diejenigen, die eine hohe Kultur haben, gehen dagegen pragmatischer vor: Sie ermutigen Sparsamkeit und Anstrengungen in der modernen Bildung, um sich auf die Zukunft vorzubereiten.
Mit einer hohen Punktzahl von 74 ist die Schweizer Kultur definitiv pragmatisch. In Gesellschaften mit pragmatischer Orientierung glauben die Menschen, dass die Wahrheit sehr stark von Situation, Kontext und Zeit abhängt. Sie zeigen die Fähigkeit, Traditionen leicht an veränderte Bedingungen anzupassen. Jedoch besitzen die Schweizer eine starke Neigung zum Sparen und zum Investieren.

 

Nachgiebigkeit/Genuss

Diese Dimension ist definiert als das Ausmass, in dem Menschen versuchen, ihre Wünsche und Impulse zu kontrollieren, basierend auf der Art, wie sie aufgewachsen sind. Eine relativ schwache Kontrolle wird "Nachgiebigkeit" genannt.
Die Schweiz punktet in dieser Dimension mit 66 Punkten. Das zeigt, dass es sich um eine Kultur des Genusses handelt. Menschen in Gesellschaften, die durch eine hohe Punktzahl in Nachgiebigkeit klassifiziert sind, zeigen im Allgemeinen eine Bereitschaft das Leben zu genießen und Spass zu haben. Sie besitzen eine positive Einstellung und neigen zu Optimismus. Darüber hinaus legen sie mehr Wert auf Freizeit, handeln nach Belieben und geben Geld nach Belieben aus.

 

Die Schweiz: Global Player, multikulturell mit flachen Hierarchien und vollem Lebensgenuss

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Schweiz trotz ihrer Grösse ein Land ist, dass mit seinen internationalen Unternehmen und Organisationen ein Global Player ist. Vielleicht aber auch, weil die Schweizer besonders früh lernen, mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturkreisen umgeben zu sein und somit viel schneller an andere Kulturen adaptieren können. Die Schweizer sind multikulturell, multilingual und trotzdem stark verwurzelt mit ihrer Heimat.

Für Arbeitnehmer ist die Schweiz nicht nur wegen der Gehälter interessant, sondern vor allem aber wegen der flachen Hierarchien, in denen die Vorgesetze ihren Mitarbeitern vertrauen und ihr Fachwissen abverlangen.

Die Schweizer sind fleissig und arbeiten mit 42,5 Stunden die Woche verhältnismässig viel, geniessen jedoch ihre Freizeit in vollen Zügen – Ganz getreu dem Motto: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!

 


Hofstede: https://www.hofstede-insights.com/country-comparison/france,germany,italy,switzerland/
 
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